(Quelle: KI generiert)

Ikigai: Über das, was uns morgens aus dem Bett bringt

Gleich den Sinn des Lebens besprechen? Anne und Alex nehmen sich in Episode 113 wieder einmal nur ein ganz kleines Thema vor. Auf ihrer Reise durch andere Lebenskonzepte beschäftigen sie sich mit Ikigai: mit dem, was das Leben lebenswert macht und uns die Energie gibt, morgens aufzustehen. Nach der Folge über Ken Mogi möchten beide genauer verstehen, was hinter dem viel verwendeten Begriff steckt. Diesmal besprechen sie allerdings nicht Mogis Ikigai-Buch. Ein anderer Ausgangspunkt ist das Buch von Héctor García und Francesc Miralles. Alex findet darin viel über langlebige Menschen und ihre Lebensweise, aber weniger darüber, was Ikigai eigentlich ausmacht. Also geht die Suche weiter.

Eine Quelle – und das Gefühl, das daraus entsteht

Anne und Alex nähern sich zunächst der Wortbedeutung: Leben und Lebendigkeit verbinden sich mit Wert und Nutzen. Ins Zentrum rückt dann die japanische Psychiaterin Mieko Kamiya, die das moderne psychologische Verständnis von Ikigai wesentlich geprägt hat. Besonders interessant finden beide ihre Beschäftigung mit Sinn und Hoffnung unter widrigen Lebensbedingungen sowie die Verbindung zu Viktor Frankls Logotherapie. Dabei unterscheiden sie zwischen einer Ikigai-Quelle und dem damit verbundenen subjektiven Erleben. Ein Kind, eine Partnerschaft oder eine Tätigkeit kann eine solche Quelle sein. Das heißt aber nicht, dass wir uns damit in jedem Augenblick glücklich und erfüllt fühlen. Anne macht es an ihren Kindern deutlich: Sie geben ihrem Leben Sinn und Freude – und können sie trotzdem erschöpfen oder aufregen. Auch muss es nicht das eine Ikigai für das ganze Leben geben. Quellen können nebeneinander bestehen, sich verändern oder verloren gehen. Damit stellt sich auch die Frage, wie sich nach einem Verlust neue finden lassen.

Sieben Bedürfnisse als Orientierung

Anne und Alex gehen sieben Bedürfnisse durch, die sie im Zusammenhang mit Kamiyas Ansatz vorstellen: Lebenszufriedenheit, Veränderung und Wachstum, eine gute Zukunft, Resonanz und damit verbundene Resilienz, Freiheit, Selbstverwirklichung sowie Bedeutung und Wert.

Was heißt das konkret? Erlebe ich Zufriedenheit in meinem Tun? Kann ich mich entwickeln? Entstehen Verbindung und innere Resonanz? Fühle ich mich frei und wirksam? Ist mir das, was ich tue, wirklich etwas wert? Beide machen dabei deutlich, dass sie sich den Begriffen aus ihrer eigenen Perspektive nähern und keine Experten für japanische Sprache und Kultur sind. Die Fragen verstehen sie als mögliche Orientierung, nicht als starre Anleitung.

Hat auch der Stoizismus ein Ikigai?

Für den Vergleich mit der Stoa greift Anne Marc Aurels Gedanken auf, morgens aufzustehen, um die Arbeit eines Menschen zu verrichten. Damit öffnet sich für sie das stoische Verständnis des Menschen als soziales und vernunftbegabtes Wesen, das sich an Tugend orientiert. Alex formuliert seine Sicht so: Der Stoizismus ist kein Ikigai, sondern hat ein Ikigai. Er sieht es in der Homologia, dem Leben in Übereinstimmung mit sich selbst und der Welt. Beide entdecken Verbindungen zu innerer Freiheit, persönlicher Entwicklung und der Verbundenheit mit anderen. Auch die stoische Rollenethik passt für sie dazu. Als Eltern, Freunde, Nachbarinnen oder Kollegen können wir Verantwortung übernehmen und Erfüllung finden. Welche Rolle zu uns passt, ist allerdings nicht immer offensichtlich. Als Wegweiser schlagen Anne und Alex vor, auf Momente von Stimmigkeit und Resonanz zu achten: Wann geht etwas in mir auf? Was genau berührt mich an einer Tätigkeit? Und wo könnte ich mehr davon finden? Das bedeutet nicht, immer den bequemsten Weg zu wählen. Entwicklung kann anstrengend sein und Übung verlangen. Zugleich kann Wachstum auch heißen, weniger zu tun. Wer sich im Training oder in der Fürsorge für andere überfordert, braucht möglicherweise Mäßigung statt noch mehr Einsatz. Entscheidend bleibt, den inneren Bezug nicht zu verlieren und die eigene Rolle verändern zu dürfen.

Quelle: Jonathan Sturm, IKIGAI – Das japanische Geheimnis eines glücklichen und langen Lebens.

Warum die vier Kreise nicht das ganze Ikigai sind

Das bekannte Diagramm verbindet vier Fragen: Was liebst du? Worin bist du gut? Was braucht die Welt? Wofür kannst du bezahlt werden? Anne und Alex unterscheiden dieses westlich entstandene Modell vom japanischen Ikigai-Verständnis. Als Werkzeug zur beruflichen Orientierung kann es hilfreich sein. Als allgemeine Erklärung von Lebenssinn greift es für beide zu kurz: Unbezahlte Fürsorgearbeit, Ehrenamt oder Naturverbundenheit können zutiefst erfüllend sein. Nicht jeder Beruf muss zugleich Berufung sein und alle Bedürfnisse abdecken. Am Ende geht es deshalb nicht darum, Ikigai und Stoa gegeneinander auszuspielen. Beide Perspektiven können einander bereichern.

Zum Ausklang nennen Anne und Alex eigene musikalische Kraftquellen: Alex empfiehlt RAYEs „This Music May Contain Hope“, Anne besonders „Jupiter“ aus Gustav Holsts Orchestersuite „Die Planeten“.

 

Shownotes:

 

IKIGAI – The Japanese Secret to a long and Happy Life, Hector Garcia and Francesc Miralles, 2016

Ikigai – Das japanische Geheimnis eines glücklichen und langen Lebens, Jonathan Sturm, 2022

Gustav Holst – Die Planeten

Raye – This music may contain hope, 2026

 

Der Weg der Stoa – Website des Podcasts mit weiteren Folgen und Shownotes:

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