Über körperliche Optimierung und das stoische Seelenheil

Noch stärker, noch schöner, noch erfolgreicher – und dann?

„Wenn du wohlauf bist, so steht es gut. Ich bin wohlauf.“ Mit dieser alten Grußformel steigen Anne und Alex in Senecas 15. Brief ein. Klingt freundlich, vielleicht ein bisschen floskelhaft. Seneca würde allerdings lieber schreiben: Wenn du philosophierst, so steht es gut. Denn für ihn entscheidet nicht allein die körperliche Verfassung darüber, ob es uns wirklich gut geht.

In Episode 110 geht es um falsche Bemühungen und unnötige Sorgen: um Körpertraining, Selbstoptimierung und die Frage, wie viel wir eigentlich brauchen, um ein gelingendes Leben zu führen.

Hat Seneca etwas gegen die Muckibude?

Seneca hält wenig davon, sich vor allem um dickere Arme, einen kräftigeren Nacken und eine breitere Brust zu bemühen. Anne findet das durchaus herablassend: Warum sollte man nicht gleichzeitig einen starken Körper haben und seinen Geist entwickeln können?

Anne und Alex nehmen diese Zuspitzung deshalb nicht einfach hin. In ihrer Lesart richtet sich Senecas Warnung vor allem gegen eine falsche Gewichtung. Bewegung und Gesundheit dürfen ihren Platz haben. Problematisch wird es, wenn Training, Ernährung und die Arbeit am Aussehen so viel Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen, dass die Beschäftigung mit dem eigenen Charakter in den Hintergrund rückt.

Alex erläutert daran auch den stoischen Begriff der Indifferenz: Körperkraft kann für Gutes ebenso wie für Schlechtes eingesetzt werden. Sie macht uns also nicht automatisch zu besseren Menschen. Und selbst mit dem intensivsten Training werden wir, wie Seneca trocken festhält, nicht stärker als ein Stier.

Selbstoptimierung gab es offenbar schon damals

Von hier ist der Weg zu heutigen Schönheitsidealen nicht weit. Anne und Alex sprechen über trainierte Körper in sozialen Medien, Proteinpulver und Looksmaxxing – die möglichst weitgehende Optimierung des eigenen Aussehens.

Auch Senecas Spott über spezialisierte Ratgeber wirkt erstaunlich anschlussfähig: Menschen, die anderen erklären, wie sie richtig kauen oder gehen sollen. Anne und Alex fragen, wann solche Beschäftigungen sinnvoll sind und wann sie uns vor allem beschäftigt halten, ohne zu einem guten Leben beizutragen. Rhetoriktraining etwa muss deshalb nicht schlecht sein. Entscheidend bleibt das Verhältnis zu den wirklich wichtigen Fragen.

Ganz ohne Bewegung kommt Seneca übrigens selbst nicht aus. Seine Empfehlungen für Laufen, Hantelbewegungen und Sprünge sorgen ebenso für Heiterkeit wie die Vorstellung seiner Ausfahrten in der Sänfte: Der Körper wird durchgerüttelt, während der Geist weiter lesen, zuhören oder diktieren kann. Ein bisschen schrullig ist er schon.

Wer immer nach vorne schaut, kommt nicht zur Ruhe

Das philosophische Bonbon am Ende des Briefes stammt diesmal wieder von Epikur: Ein törichtes Leben ist unerfreulich, angstvoll und ganz auf die Zukunft ausgerichtet.

Anne und Alex verbinden diesen Gedanken mit dem Wunsch nach immer mehr. Sind die Muskeln gewachsen, begegnet uns jemand mit noch größeren. Steigt das Einkommen, verdienen andere trotzdem mehr. Auch bei der Karriere lässt sich die Messlatte ständig verschieben. So findet das Begehren kein Ende – und die Zufriedenheit bleibt aus.

Seneca empfiehlt einen Perspektivwechsel: nicht nur auf diejenigen schauen, die vor uns liegen, sondern auch wahrnehmen, welchen Weg wir selbst schon zurückgelegt haben. Anne hebt besonders den Gedanken hervor, sich selbst überflügelt zu haben. Wie würden wir auf unser heutiges Leben schauen, wenn wir es vor zehn oder zwanzig Jahren hätten sehen können?

Ehrgeiz braucht ein Verhältnis zum übrigen Leben

Dabei geht es nicht darum, jeden Ehrgeiz aufzugeben. Alex berichtet aus seiner Coachingpraxis, wie wichtig Grenzen und ein Abgleich mit anderen Lebensrollen sein können. Wenn eine Rolle immer mehr Raum beansprucht, geraten andere aus dem Gleichgewicht.

Die Frage lautet also nicht nur: Was kann ich noch erreichen? Sondern auch: Wie viel brauche ich, und wofür tue ich das? Der stoische Schwerpunkt liegt darauf, das Richtige zu tun und tugendhaft zu handeln – nicht einfach darauf, von allem mehr zu bekommen. Zukunftsvorsorge hat ihren Platz. Wer aber ausschließlich nach vorne schaut, verpasst das Leben jetzt.

Zum Abschluss weisen Anne und Alex auf die Stoicon und die deutsche Stoicon-X hin. Außerdem diskutieren sie, angeregt durch Alex’ Besuch einer Buchmesse-Veranstaltung, ob KI-Anfragen Gelegenheiten für menschliche Begegnungen verdrängen könnten. Eine offene Frage, die beide unterschiedlich abwägen. Alex empfiehlt zudem eine Serie über den Anschlag auf Pan-Am-Flug 103 und die akribische Ermittlungsarbeit danach.

Shownotes:

15. Brief, Seneca, Briefe an Lucilius über Ethik, Band 1, Reclam, 2023

Episode 96 – Longevity und die Stoa

Stoicon 2026 am 17.10.2026

Stoicon-X Hannover 2026:

Buchempfehlung:

Jill Lenore – Regierung der Maschinen

Serienempfehlung zur Aufarbeitung des Anschlags auf Pan-Am-Flug 103 bei Lockerbie auf Netflix:

 

Der Weg der Stoa – Website des Podcasts mit weiteren Folgen und Shownotes:

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