Stoizismus als Betriebssystem für moderne Zeiten?

Japanische Lebenskunst und antike Stoa zusammenbringen: Mit dieser Aussicht haben Anne und Alex zu Ken Mogis Buch „Der alte Weg zu einem guten Leben: Stoizismus für moderne Zeiten“ gegriffen. Mogi ist unter anderem durch sein Buch über Ikigai bekannt. Könnte sein Blick auf den Stoizismus eine spannende Brücke zwischen diesen Denkwelten zu unserer modernen Zeit schlagen?

In Episode 111 nehmen Anne und Alex das Buch unter die Lupe. Dabei wird schnell klar: Die Idee finden beide interessant, mit der Umsetzung haben sie allerdings gerungen. Es gibt anregende Gedanken, schöne Bilder – und einige Stellen, an denen sie sich fragen: Moment mal, ist das noch Stoizismus?

Eine Lebenshaltung oder eine philosophische Lehre?

Mogis Buch beginnt mit Stoizismus im Alltag und wendet sich anschließend großen Gegenwartsfragen zu: Bewusstsein, freier Wille, künstliche Intelligenz und das Leben in einer komplexen Gesellschaft. Dazu kommen japanische Konzepte wie Gaman, Nagomi und Ikigai. Anne und Alex verstehen das Vorhaben als Versuch, eine hilfreiche Orientierung für verwirrende Zeiten anzubieten. Dieser Anspruch liegt ihrem eigenen Podcast-Projekt durchaus nahe. Doch welche Vorstellung von Stoizismus trägt das Buch?

Anhand von Mogis zehn einleitenden Denkanstößen diskutieren sie, wo sich Verbindungen zur Stoa erkennen lassen und wo Formulierungen mehrdeutig bleiben. Selbstakzeptanz, Integrität und ein Leben im Einklang mit der Welt bieten Anknüpfungspunkte. Bei „wahren Herzenswünschen“ oder den „Träumen von den eigenen Möglichkeiten“ werden beide vorsichtiger. Wie deutlich bleibt dabei die Ausrichtung auf Tugend und Vernunft?

Sokrates, Kontrolle und Gefühle: die Stolpersteine

Ein Kritikpunkt ist die Darstellung von Sokrates. Anne und Alex betonen: Die Stoiker stehen in seiner Tradition, aber Sokrates war selbst kein Stoiker. Wenn diese Unterscheidung unscharf wird, kann aus ihrer Sicht ein irreführendes Bild der philosophischen Geschichte entstehen. Auch beim Thema Kontrolle sehen beide Klärungsbedarf. Für sie bleibt im Buch zu undeutlich, was die stoische Unterscheidung zwischen dem, was in unserer Hand liegt, und dem, was nicht in unserer Hand liegt, eigentlich ausmacht. Anne erinnert daran, dass auch der eigene Körper bei Epiktet nicht einfach zu den verfügbaren Dingen gehört.

Ähnlich kritisch betrachten sie den Umgang mit Gefühlen. Negative Emotionen nicht bloß wegzudrücken, ist das eine. Wut als Triebfeder für Veränderung zu beschreiben, ist etwas anderes. Anne und Alex vermissen hier die klare Verbindung zwischen Emotionen und Werturteilen, die sich prüfen und verändern lassen. Ihnen geht es nicht darum, jede andere Sichtweise abzuwerten, sondern darum, unterschiedliche philosophische Positionen auseinanderzuhalten.

Einzigartigkeit anerkennen – ohne Höchstleistung zum Ziel zu machen

Zu den stärkeren Passagen zählen für beide die Gedanken über Selbstakzeptanz und unsere unterschiedlichen Voraussetzungen. Niemand steckt vollständig in der Haut eines anderen. Daraus entsteht ein Gespräch über individuelles Erleben, Einsamkeit und die Möglichkeit, dennoch miteinander verbunden zu sein.

Beim Beispiel des olympischen Dorfs lesen Anne und Alex das Buch unterschiedlich. Anne erkennt darin vor allem das Bild, dass Menschen sich entsprechend ihrer individuellen Ausstattung entfalten. Alex stört stärker die Verbindung des Stoizismus mit Höchstleistung: Tugendhaft zu handeln ist für ihn etwas anderes, als eine Philosophie zur Leistungssteigerung einzusetzen.

Auch das japanische Kochkonzept Kaiseki liefert Gesprächsstoff. Zutaten dankbar als Geschenke der Natur anzusehen, erscheint anschlussfähig. Großen Aufwand und hohe Kosten dafür auf sich zu nehmen, passt für Alex dagegen nicht zur stoischen Einfachheit.

Ihr Beipackzettel zum Buch

Als Einstieg in den Stoizismus empfehlen Anne und Alex das Buch nicht. Alex fällt insgesamt ein deutlich kritisches Urteil. Anne findet bei aller Kritik vieles angenehm geschrieben und besonders die japanischen Konzepte interessant – sofern man bereits eine Grundlage hat, um die Aussagen einzuordnen.

Die Neugier auf japanische Lebenskunst bleibt bei beiden bestehen. Zugleich betonen sie die Grenzen ihrer eigenen kulturellen Perspektive und laden dazu ein, andere Lesarten mit ihnen zu teilen.

Zum Abschluss führt Alex zu „Ted Lasso“: Humor, menschliche Verbindung und kleine Gesten schaffen dort für ihn eine Wohlfühloase. Anne knüpft daran mit Mogis Gedanken über den Schmetterlingseffekt an. Vielleicht können gerade die kleinen Dinge im Miteinander einiges bewegen.

Bildet Euch Eure eigene Meinung.

Shownotes:

Ken Mogi – Der alte Weg zu einem guten Leben: Stoizismus für moderne Zeiten, Dumont, 2026

Serienempfehlung:

Ted Lasso, Apple TV

Stoicon-X Hannover 2026:

 

Der Weg der Stoa – Website des Podcasts mit weiteren Folgen und Shownotes:

Die Episode findet sich hier:

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