
Über den Weg zum Glück mithilfe des Stoizismus
Glücklich durch Stoizismus – geht das überhaupt?
Ein ruhiger Start in den Tag, eine Tasse Tee, Sonnenstrahlen im Wald und endlich einmal gut geschlafen: Anne und Alex beginnen diese Folge mit ihrer ganz persönlichen Bestandsaufnahme. Wie glücklich und zufrieden sind sie gerade? Und was hat dieses Gefühl eigentlich mit ihrer Lebensphilosophie zu tun? Im Stoizismus geht es zunächst um ein gelungenes Leben: im Einklang mit der Natur und geleitet von Tugend. Möglichst viele angenehme Gefühle zu erleben, ist nicht das Hauptziel. Glück und Zufriedenheit dürfen aber als schöner Beifang dazukommen. In Episode 112 fragen Anne und Alex, ob sich dieser Zusammenhang auch empirisch untersuchen lässt.
Was messen wir, wenn wir Glück messen?
Angeregt durch das Thema Wohlbefinden auf der internationalen Stoicon beschäftigen sich beide mit einer Studie von Tim Le Bon und Johannes Karl. Bevor es aber an die Ergebnisse geht, stehen allerdings zwei Fragen im Raum: Wie lässt sich subjektives Wohlbefinden erfassen? Und woran erkennt man eine stoische Haltung? Für die erste Frage stellen Anne und Alex den WHO-5-Wohlbefindensindex vor. Er fragt nach dem Erleben der vergangenen zwei Wochen: War ich guter Laune, ruhig und entspannt, aktiv, morgens ausgeruht? War mein Alltag mit Dingen gefüllt, die mich interessieren? Ein überschaubarer Fragenkatalog, der für beide wichtige Seiten unseres Befindens anspricht. Beim Stoizismus wird es schwieriger. Manche älteren Messansätze erfassen vor allem emotionale Abhärtung, das Verbergen von Gefühlen oder die Ablehnung, über persönliche Probleme zu sprechen. Anne und Alex grenzen das ausdrücklich von der antiken Lebensphilosophie ab. Wer nur Gefühlsunterdrückung untersucht, misst aus ihrer Sicht nicht das, was sie unter stoischem Leben verstehen.
Sieben Dimensionen einer stoischen Haltung
Die besprochene Studie arbeitet mit der „Stoic Attitudes and Behaviour Scale“, kurz SABS. Anne und Alex gehen sieben Bereiche durch:
- Kontrolle: Was liegt in unserer Macht, was nicht?
- Glücksvorstellungen: Brauchen wir Reichtum, Erfolg oder äußere Zustimmung für ein gutes Leben?
- Tugend: Orientieren wir unser Handeln an Weisheit, Gerechtigkeit, Mut und Mäßigung?
- Stoische Achtsamkeit: Prüfen wir unsere Eindrücke und Werturteile, statt ihnen ungefragt zu folgen?
- Die Haltung zu anderen: Begegnen wir Menschen wohlwollend und übernehmen wir Verantwortung für unser Umfeld?
- Das Weltbild: Sehen wir uns als Teil eines geordneten Ganzen?
- Ethische Entwicklung: Verstehen wir das Leben als Lernweg, auf dem wir durch Reflexion und Übung weiterkommen?
Beide finden darin viel von der stoischen Lebenspraxis wieder. Zugleich diskutieren sie, was nur indirekt erfasst wird, etwa kritisches Denken und Logik. Eine komplexe Philosophie in einen Fragebogen zu übersetzen, bleibt eben eine anspruchsvolle Aufgabe.
Eine große Stichprobe – aber kein Beweis für Ursache und Wirkung
In die Auswertung gingen über 11.000 Teilnehmende ein. Anders als bei Befragungen im Umfeld der Stoic Week wurde hier nicht gezielt ein bereits am Stoizismus interessiertes Publikum untersucht. Die Teilnahme erfolgte im Zusammenhang mit Fragen zu Wohlbefinden und Charakterstärken.
Die Stichprobe war allerdings überwiegend weiblich, jung und gut gebildet. Anne und Alex betonen deshalb: Sie ist nicht repräsentativ für alle Menschen. Außerdem zeigt die Untersuchung Zusammenhänge, keine Kausalität. Aus ihr lässt sich nicht einfach ableiten, dass eine bestimmte stoische Praxis Menschen zwangsläufig glücklicher macht.
Achtsamkeit vorne, Kontrolle überraschend weit hinten
Die ermutigende Nachricht: Stärker ausgeprägte stoische Einstellungen hängen insgesamt mit höherem Wohlbefinden zusammen. Besonders deutlich ist die Verbindung bei der stoischen Achtsamkeit. Gemeint ist die fortlaufende Aufmerksamkeit dafür, wie wir Eindrücke bewerten und welche Urteile wir daraus bilden. Danach folgen Tugend und die Vorstellung, dass Glück nicht von äußeren Gütern abhängt. Anne verbindet das mit Selbstermächtigung: Wenn entscheidend ist, wie ich handle, entsteht eine andere Unabhängigkeit von den Umständen.
Überraschend schwach fällt dagegen die Verbindung bei den Annahmen über Kontrolle aus. Anne und Alex überlegen, ob die bloße Einsicht, dass etwa das Wetter nicht in unserer Hand liegt, noch wenig verändert. Vielleicht wäre Achtsamkeit deshalb auch ein sinnvoller Einstieg, um Menschen die Stoa näherzubringen.
Hoffnung, Lebensfreude – und eine kleine Humor-Krise
Unter den untersuchten Charakterstärken ist Hoffnung am stärksten mit der stoischen Haltung verbunden. Auch Dankbarkeit, Fairness, Lernfreude und Lebensfreude gehören zu den besprochenen Zusammenhängen. Das passt wenig zum Bild des freudlosen Stoikers. Ausgerechnet Humor zeigt allerdings die schwächste Verbindung – sehr zum Bedauern der beiden.
Anne und Alex erzählen außerdem von ihren eigenen Wegen zur Philosophie und fragen nach euren Erfahrungen. Zum Schluss kündigen sie ein Gespräch mit Johannes Karl, dem Ko-Autor von Tim LeBons-Studie, an. Anne bringt noch eine Passage aus Senecas 107. Brief mit: über wechselnde Winde, aufgewühlte Meere und unseren Umgang mit der Naturordnung.
Shownotes:
LeBon, T. (2026). SABS Research Guide (Version 1.0). Zenodo.
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