Scharlatan, Philosophiepopularisierer oder genialer Geschäftsmann?

Wer ist Ryan Holiday?

Ryan Holiday ist für viele Menschen ein erster Zugang zum Stoizismus. Auch für Anne und Alex spielt er eine wichtige Rolle – allerdings auf unterschiedliche Weise. Anne lernte stoische Grundgedanken während der Pandemie über eine Einführungsklasse in einer Meditations-App kennen. Die kurze Einführung von Ryan Holiday sprach sie unmittelbar an: Viele Gedanken erschienen ihr vertraut, waren aber zum ersten Mal in dieser Klarheit formuliert.

Alex kam ursprünglich über William B. Irvines A Guide to the Good Life zur Stoa. Später begegnete auch er Ryan Holiday, unter anderem über The Daily Stoic, kurze Podcasts und tägliche Impulse. Für ihn war Holiday ein Begleiter auf dem Weg, der motivierte, sich weiter mit stoischen Texten und Gedanken zu beschäftigen.

Damit ist auch schon die zentrale Ambivalenz dieser Folge benannt: Ryan Holiday ist für viele Menschen ein Türöffner. Zugleich ist er eine umstrittene Figur, wenn es um die Frage geht, wie angemessen, tiefgehend und kommerziell seine Vermittlung des Stoizismus ist.

Vom Studienabbruch zu Robert Greene

Ryan Holiday wurde 1987 in Kalifornien geboren. Er studierte Political Science und Creative Writing an der University of California, Riverside, brach das Studium jedoch bereits mit 19 Jahren ab. Anschließend arbeitete er als Assistent des Autors Robert Greene. Greene ist vor allem durch The 48 Laws of Power und The Art of Seduction bekannt. Anne und Alex beschreiben ihn als schillernde und kontroverse Figur. Seine Bücher betrachten Macht, Verführung und menschliches Verhalten häufig aus einer strategischen Perspektive. Gerade The Art of Seduction wurde wegen seiner Nähe zu problematischen und toxischen Formen der Beziehungsgestaltung kritisiert.

Für Ryan Holiday war diese Zeit dennoch prägend. Er lernte dort eine Arbeitsweise kennen, die stark auf Karteikarten, historische Beispiele und das Zusammenfügen einzelner Beobachtungen zu größeren Erzählungen setzt. Auch die Faszination für außergewöhnliche Persönlichkeiten, historische Größen und die Frage, was Menschen erfolgreich oder mächtig macht, blieb offenbar erhalten.

Anne und Alex sehen darin eine wichtige Vorbereitung auf Holidays spätere Bücher. Auch dort arbeitet er häufig mit historischen Personen, aus deren Leben er Prinzipien und Regeln für die Gegenwart ableitet.

Marketing, Provokation und Aufmerksamkeit

Nach seiner Zeit bei Robert Greene wechselte Holiday ins Marketing. Er arbeitete unter anderem an Kampagnen für Tucker Max und wurde später Director of Marketing bei American Apparel.

In der Folge sprechen Anne und Alex über die aufmerksamkeitsstarken und stark sexualisierten Kampagnen von American Apparel. Sie verweisen zugleich auf die widersprüchlichen Seiten des Unternehmens: Neben der problematischen Werbung gab es auch Engagement für Einwanderungsrechte und queere Rechte.

Diese Spannung – Irritation auf der einen, gesellschaftliches Engagement auf der anderen Seite – wird zum wiederkehrenden Muster in der Betrachtung von Ryan Holiday. Er bewegte sich in Umfeldern, die bewusst provozierten und Aufmerksamkeit erzeugten. Gleichzeitig distanzierte er sich später nicht einfach von dieser Zeit, sondern beschrieb auch ein eigenes Unwohlsein im Umgang mit bestimmten Methoden.

Seine frühe Marketingarbeit ist deshalb nicht nur ein biografisches Detail. Sie hilft zu verstehen, wie Holiday später Bücher und Medienangebote aufbaute. Er kennt die Mechanismen der Aufmerksamkeitsökonomie aus eigener Praxis: Kontroverse, Zuspitzung, starke Titel und eine klare Botschaft können Interesse erzeugen und Menschen dazu bringen, sich gerade mit dem zu beschäftigen, was sie zunächst ablehnen.

In diesem Zusammenhang wird auch sein Buch Trust Me, I’m Lying erwähnt. Das Buch beschäftigt sich mit den Mechanismen von Medien und Marketing. Zugleich bleibt die Frage offen, ob Holiday diese Mechanismen nur kritisiert oder sie auch als Anleitung und Werkzeug versteht.

Die Geschichte um Gawker und Peter Thiel

Ein weiterer Abschnitt seines beruflichen Weges führt zu seiner Marketingfirma Brass Check und zu dem Buch Conspiracy. Darin geht es um die Geschichte rund um Gawker, Peter Thiel und Hulk Hogan. Anne und Alex skizzieren den Fall als Beispiel für das Zusammenspiel von Medien, Geld, Macht und langfristiger strategischer Planung. Peter Thiel finanzierte die juristische Auseinandersetzung von Hulk Hogan mit Gawker, nachdem die Plattform ein privates Sexvideo veröffentlicht hatte. Die Klage führte schließlich zur Insolvenz von Gawker.

Auch hier bleibt in der Folge die Bewertung ambivalent: Ist Peter Thiel in dieser Geschichte der Held oder der Gegenspieler? Anne und Alex vermuten, dass Holiday einerseits die Macht von Medien, Geld und Silicon Valley sichtbar machen wollte, andererseits aber auch von der strategischen Vorgehensweise fasziniert war. Das Motiv der Macht, das bereits über Robert Greene in Holidays Biografie auftaucht, bleibt damit erhalten – auch wenn sich sein öffentliches Themenfeld bald deutlich verändert.

Der Wechsel zum Stoizismus

Dann kommt der Stoizismus. Mit The Obstacle Is the Way greift Ryan Holiday einen bekannten Gedanken aus den Selbstbetrachtungen des Mark Aurel auf: Das Hindernis kann selbst zum Weg werden. Aus diesem Gedanken entwickelt er ein Buch, das stoische Ideen für ein breites Publikum zugänglich macht.

Der Erfolg des Buches reicht weit über die klassische Philosophie- oder Selbsthilfesphäre hinaus. Anne und Alex sprechen über Resonanz in Sport, Unternehmertum, Militär und Führung. Athleten und Trainer greifen die Gedanken auf, und das Buch wird von Menschen weiterempfohlen, die über ihre öffentliche Rolle zusätzliche Aufmerksamkeit erzeugen.

Später folgen unter anderem Ego Is the Enemy, Stillness Is the Key, The Daily Stoic, Lives of the Stoics und The Daily Dad. Außerdem arbeitet Holiday an Büchern zu den stoischen Tugenden und bietet Podcasts, Newsletter, Kurse sowie weitere Formate an.

Popularisierung oder Vereinfachung?

Mit der wachsenden Bekanntheit nehmen auch die kritischen Stimmen zu. Bei seinem ersten Auftritt auf der Stoicon im Jahr 2016 erlebt Ryan Holiday ein geteiltes Echo. Menschen, die sich intensiv mit den Originaltexten und der gesamten stoischen Philosophie beschäftigen, finden seine Darstellung teilweise zu einfach.

Ein Kritikpunkt lautet, dass Holiday stark auf der ethischen und praktischen Ebene arbeite. Die umfassende stoische Systematik aus Logik, Ethik und Physik komme dabei weniger zur Geltung. Auch der Zusammenhang mit Selbstoptimierung und persönlichem Erfolg sorgt für Skepsis.

Aus dieser Perspektive erscheint der Stoizismus bei Holiday als ein Set von Prinzipien, mit denen man Hindernisse überwinden, disziplinierter werden und im Leben erfolgreicher handeln kann. Die soziale und kosmopolitische Dimension der Stoa droht dabei möglicherweise in den Hintergrund zu treten.

Die positivere Sichtweise lautet: Gerade diese Vereinfachung macht die Philosophie zugänglich. Wer durch Holiday erstmals von Marcus Aurelius, Seneca oder Epiktet hört, kann anschließend selbst weiterforschen und zu den Originaltexten gelangen.

Anne und Alex legen sich deshalb nicht auf ein einfaches Urteil fest. Sie sehen Ryan Holiday als jemanden, der an der Grenze zwischen zwei Welten arbeitet. Akademisch Interessierte können ihn als oberflächlich wahrnehmen. Für Menschen aus der reinen Kommerz- und Selbsthilfewelt ist der Stoizismus dagegen möglicherweise immer noch ein ungewöhnlich tiefes Thema.

„Dollar Stoicism“ und das Geschäftsmodell

Ryan Holiday hat aus seinen Themen ein umfassendes Medien- und Geschäftsmodell entwickelt. Zu seinem Angebot gehören Bücher, Podcasts, Newsletter, Kurse, tägliche Übungen und Produkte wie eine Memento Mori-Medaille. Anne und Alex sprechen deshalb von einer Kommerzialisierung des Stoizismus. Sie fragen, ob es problematisch ist, aus einer Lebensphilosophie ein Geschäftsmodell zu machen – und wie sich das mit einer Philosophie verträgt, die materielle Dinge nicht zum eigentlichen Maßstab des guten Lebens erklärt.

Gleichzeitig erkennen sie an, was für ein außergewöhnliches Unternehmen Holiday aufgebaut hat. Er verbindet große Reichweite, verschiedene Medienkanäle, persönliche Markenbildung und eine klare inhaltliche Linie. Die Folge nennt Millionenreichweiten in sozialen Medien, bei E-Mail-Abonnements und auf YouTube und beschreibt das Ganze als ein regelrechtes Ökosystem.

Diese Reichweite ist für Anne und Alex nicht nur ein kommerzielles Phänomen. Sie ermöglicht es Holiday, stoische Themen in gesellschaftliche Bereiche zu tragen, in denen antike Philosophie sonst kaum vorkäme.

Austin, The Painted Porch und das private Leben

Heute lebt Ryan Holiday mit seiner Frau Samantha und den beiden gemeinsamen Söhnen in Texas. Zusammen mit seiner Frau betreibt er die unabhängige Buchhandlung The Painted Porch in der Nähe von Austin. Die Buchhandlung ist kein beliebig skalierter Filialbetrieb, sondern ein persönlicher, physischer Ankerpunkt seiner Arbeit. Holiday lebt auf einer Ranch, treibt viel Sport und strukturiert seinen Alltag offenbar sehr bewusst. Arbeitszeiten, Familienzeit und körperliche Aktivität haben feste Plätze. Anne und Alex sprechen darin auch eine Haltung an, die an stoische Selbstdisziplin erinnert. The Painted Porch ist zugleich eine sehr kuratierte Buchhandlung. Holiday empfiehlt Bücher, veröffentlicht Leselisten und beschäftigt sich intensiv mit Weltliteratur, historischen Werken und Büchern über außergewöhnliche Menschen.

Allerdings bleibt auch dieser Bereich nicht frei von Kontroversen. In der Folge wird erwähnt, dass bestimmte Bücher ausgestellt oder nicht angeboten wurden und dass die Auswahl stark von Holidays eigener Perspektive geprägt ist.

Lesen, Gehen und Denken

Ein Thema, das Anne und Alex besonders interessant finden, ist Ryan Holidays Verhältnis zum Lesen. Er versteht Bücher nicht nur als Informationsquelle. Sie können ermöglichen, zeitweise in eine andere Welt einzutreten, die eigene Perspektive zu verändern und die Gedanken anderer Menschen kennenzulernen. Holiday hat diesen Wert des Lesens auch zu einem eigenen Angebot gemacht. In der Folge wird ein Kurs erwähnt, der dabei helfen soll, ein „großartiger Leser“ zu werden. Die ironische Formulierung passt zur generellen Spannung zwischen inhaltlich sinnvollen Impulsen und ihrer Vermarktung. Auch das Denken beim Gehen gehört zu den Themen, die Holiday aufgreift. Spaziergänge, morgendliche Meditationen und kurze Übungen sollen mehr Klarheit, Balance und innere Ruhe ermöglichen. Gerade in unsicheren Zeiten können solche einfachen Praktiken attraktiv sein, weil sie einen Gegenpol zu ständiger Unruhe und äußerem Druck schaffen.

Politische Positionen und Kosmopolitismus

Anne und Alex fragen außerdem, ob Ryan Holiday den sozialen Charakter des Stoizismus ausreichend berücksichtigt. Die Stoa ist nicht nur eine Philosophie der Selbstdisziplin, sondern auch eine Philosophie der Verbundenheit und des gemeinsamen Lebens. Holiday wird in der Folge als politisch engagiert beschrieben. Er positionierte sich gegen Donald Trump und veröffentlichte entsprechende Texte. Außerdem zeigte er sich mit seiner Familie bei politischen Demonstrationen und erhielt dafür Gegenwind. Gleichzeitig bezeichnet er sich als konservativ mit kleinem „c“ und lebt in Texas. Er unterstützte queere Veranstaltungen in seiner Buchhandlung und setzte sich dafür ein, konföderierte Denkmäler aus dem Zentrum seines Ortes zu entfernen. Diese Beispiele machen deutlich, warum er sich nicht einfach in eine eindeutige politische Schublade einordnen lässt. Auch hier zeigt sich das Muster der Folge: Ryan Holiday bewegt sich zwischen unterschiedlichen Milieus und Positionen. Das kann als Widersprüchlichkeit erscheinen, aber auch als Versuch, sich nicht vollständig einer einzigen Szene zu unterordnen.

Donna Zuckerberg und die Debatte um die „Manosphere“

Die Folge geht auch auf Donna Zuckerbergs Buch Not All Dead White Men ein. Zuckerberg zeichnet darin ein deutlich kritisches Bild von Ryan Holiday und beschäftigt sich mit der Aneignung antiker Philosophie durch antifeministische Online-Milieus. Anne und Alex halten diese Darstellung für teilweise ungerecht. Sie können nachvollziehen, warum die Nähe zu Robert Greene, American Apparel, Marketing und den Themen Macht, Männlichkeit und Erfolg bestimmte Assoziationen hervorruft. Sie betonen jedoch, dass jemand nicht automatisch zu einer Szene gehört, nur weil er in bestimmten Umfeldern gearbeitet hat oder von deren Sprache und Themen beeinflusst wurde. Entscheidend sei auch die Entwicklung eines Menschen: Was macht er heute mit seiner Reichweite? Welche Themen vertritt er? Wie geht er mit früheren Prägungen um? Für Anne und Alex ist Ryan Holiday deshalb nicht einfach als frauenfeindlich oder als Vertreter der „Manosphere“ einzuordnen. Sie verweisen auf seinen Respekt gegenüber Frauen, seine Gesprächsgäste und seine gesellschaftlichen Positionierungen.

Ein komplizierter Mann

Am Ende der Folge versuchen Anne und Alex, ein möglichst buntes und vielschichtiges Bild zu zeichnen. Ryan Holiday ist Autodidakt, Unternehmer, Bestsellerautor, Marketingexperte, Familienvater, Leser, Podcaster und Vermittler stoischer Ideen. Er hat einen Hintergrund, der deutlich von Marketing, Machtstrategien und Aufmerksamkeitsökonomie geprägt ist. Gleichzeitig hat er Millionen Menschen mit stoischer Philosophie in Kontakt gebracht. Er vereinfacht, aber er öffnet auch Türen. Er kommerzialisiert, aber er macht antike Texte sichtbar. Er bewegt sich zwischen Selbstoptimierung und Lebensphilosophie, zwischen persönlichem Erfolg und politischem Engagement. Anne und Alex kommen deshalb zu keiner endgültigen Verurteilung und auch zu keiner unkritischen Verehrung. Ihr Vorschlag lautet vielmehr: sich selbst ein Bild zu machen. Bücher lesen, Podcasts anhören, Interviews anschauen und prüfen, was davon für den eigenen Weg hilfreich ist. Empfohlen werden unter anderem die kurzen morgendlichen Meditationen, Gespräche mit Ryan Holiday und die in der Folge erwähnte Gesprächsfolge mit Gavin Newsom. Außerdem wird eine kritische Auseinandersetzung mit seiner Reaktion auf Äußerungen von Ivanka Trump erwähnt.

Ryan Holiday bleibt damit eine Figur zwischen mehreren Welten. Für einige ist er ein Leichtgewicht, für andere ein wichtiger Einstieg in die Stoa. Vielleicht ist gerade diese Spannung der Grund, warum es sich lohnt, genauer hinzusehen.

Shownotes:

Ryan Holidays offizielle Website

Bücher und Kurse von Ryan Holiday

The Painted Porch Bookshop  – die von Ryan Holiday und seiner Frau betriebene Buchhandlung in Texas

The Guardian: „The stoicism secret: how Ryan Holiday became a Silicon Valley guru“

Donna Zuckerberg: Not All Dead White Men  – zur modernen Rezeption der Antike, zu Stoizismus und antifeministischen Online-Milieus

Der Podcast „Die Peter Thiel Story“

 

Die Episode findet sich hier:

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