
Über Menschlichkeit in Zeiten des Umbruchs
Anne und Alex sind zurück aus der Sommerpause – und starten mit einer Geschichte, die selbst schon eine lange Reise hinter sich hat: Homers Odyssee. In Episode 104 geht es um Christopher Nolans filmische Adaption, aber ebenso um die Welt, aus der dieser Stoff stammt, und um die stoischen Fragen, die darin sichtbar werden.
Die Odyssee erzählt von der Irrfahrt des Odysseus nach dem Trojanischen Krieg. Doch sie beginnt nicht mit dem Aufbruch eines siegreichen Helden, sondern in Ithaka: Telemachos ist erwachsen geworden, ohne seinen Vater wirklich zu kennen, Penelope wartet seit vielen Jahren auf Odysseus’ Rückkehr, und in seinem Haus haben sich zahlreiche Freier eingenistet. Schon diese Ausgangssituation macht deutlich, dass die Heimkehr nicht einfach eine geografische Bewegung ist. Odysseus muss nicht nur nach Hause finden. Er muss auch klären, wer er geworden ist, welche Folgen sein Handeln hatte und ob er seinen alten Platz überhaupt noch einnehmen kann.
Anne und Alex werfen zunächst einen Blick auf Homer und die historische Tiefenschicht des Epos. Die Handlung der Odyssee spielt in einer mykenischen Welt, die lange vor Homers eigener Zeit liegt. Im Hintergrund steht eine vergangene Hochkultur, deren Zusammenbruch bis heute Fragen aufwirft. Eric H. Cline beschreibt in 1177 B.C.: The Year Civilization Collapsed das Ende der bronzezeitlichen Zivilisationen als Ergebnis mehrerer miteinander verbundener Krisen: klimatischer Druck, Erdbeben, Migrationen, politische Instabilität und der Zusammenbruch von Handelsbeziehungen. Diese Vorstellung eines „perfekten Sturms“ bildet eine interessante Folie für die Deutung, die Nolan seinem Film gibt.
Nolan erzählt die Odyssee nicht als möglichst vollständige Übertragung aller Episoden. Er verdichtet, verschiebt und verändert. Aus dem listenreichen, selbstbewussten und oft auch eigensüchtigen Helden der homerischen Vorlage wird ein verletzlicherer, stärker psychologisierter Odysseus. Der Film interessiert sich weniger für eine vollständig ausgearbeitete mythische Welt als für die innere Erschütterung eines Mannes, der an seinen eigenen Taten leidet.
Besonders deutlich wird das an Calypso. In Homers Epos bleibt Odysseus auch während seines langen Aufenthalts bei ihr mit dem Wunsch nach Heimkehr verbunden. In Nolans Version wirkt Calypso stärker wie eine Figur der Betäubung und des Selbstverlusts. Ihr Name – die Verbergende – bekommt dadurch eine zusätzliche Bedeutung: Odysseus verliert den Kontakt zu seiner Herkunft, zu seiner Aufgabe und vielleicht auch zu sich selbst. Anne und Alex verbinden dieses Motiv mit dem stoischen Begriff der Prosoche, der wachen Aufmerksamkeit. Wo die Aufmerksamkeit erlischt, kann auch keine innere Entwicklung mehr stattfinden.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Gastrecht, die griechische Xenia. In der Welt der Odyssee ist es nicht bloß eine freundliche Umgangsform, sondern Teil einer umfassenden Ordnung. Wer einen Fremden aufnimmt, behandelt ihn respektvoll, weil in ihm möglicherweise ein Gott verborgen sein könnte. Anne und Alex stellen diesem archaischen Begründungsmuster die stoische Perspektive gegenüber: Menschen verdienen nicht nur deshalb Respekt, weil sich hinter ihnen eine göttliche Gestalt verbergen könnte. Sie verdienen ihn, weil jeder Mensch an der Vernunft teilhat und deshalb in eine gemeinsame menschliche Ordnung gehört.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Trojanische Krieg in Nolans Film als mehr als ein heroisches Abenteuer. Eine gemeinsame religiöse und kulturelle Ordnung wird nicht nur gebrochen, sondern gezielt ausgenutzt. Das Trojanische Pferd funktioniert gerade deshalb, weil die Trojaner die Bedeutung eines göttlichen Geschenks ernst nehmen. Aus einer gemeinsamen Regel wird eine Waffe. Der Missbrauch von Vertrauen und Gastrecht wird so zum Bild für den Beginn eines umfassenderen Zivilisationsbruchs.
Auch Odysseus selbst bleibt in dieser Perspektive ambivalent. Er besitzt Intelligenz, Mut, Ausdauer und strategisches Geschick. Aber Intelligenz allein führt noch nicht zu Weisheit und schon gar nicht automatisch zu tugendhaftem Handeln. Seine List rettet ihn und einige seiner Männer, zugleich bringt sein Stolz weitere Menschen in Gefahr. Beim Zyklopen, bei den Sirenen oder auf der Insel des Helios zeigt sich immer wieder ein Mann, der seine Grenzen kennt – und sie trotzdem überschreitet. Gerade diese Spannung macht ihn zu einer tragischen und keineswegs makellosen Figur.
Die stoische Frage lautet deshalb nicht nur: Was ist vorherbestimmt? Sie lautet auch: Was liegt in meiner Macht, und wofür trage ich Verantwortung? Odysseus kann nicht verhindern, dass seine Männer eigene Entscheidungen treffen. Er kann aber beeinflussen, wie er Situationen gestaltet, welche Informationen er teilt und welche Risiken er eingeht. Die Episode um Skylla und Charybdis zeigt diese Ambivalenz besonders deutlich: Odysseus handelt klug und begrenzt den Schaden, nimmt seinen Männern durch sein Vorgehen aber zugleich einen Teil ihrer Autonomie.
Am Ende steht die große Parabel des Films: Vielleicht sind die „Seevölker“, die als äußere Bedrohung erscheinen, gar nicht einfach die anderen. Vielleicht tragen die Reisenden selbst zur Zerstörung der Welt bei, die sie vorfinden. Eine Hochzivilisation kann über Wohlstand, Wissen und beeindruckende technische Fähigkeiten verfügen – und dennoch scheitern, wenn Respekt, gemeinsame Regeln und die Verbindung zwischen Menschen verloren gehen.
Anne und Alex sprechen außerdem über die Stärken und Grenzen von Nolans Adaption. Der Film ist bildgewaltig, musikalisch episch und regt zum Nachdenken an. Zugleich bleiben viele Figuren eher skizzenhaft, und die innere Entwicklung von Odysseus, Penelope und Telemachos hätte noch mehr Raum verdient. Gerade in dieser Spannung liegt aber der Reiz: Nolan liefert keine endgültige Deutung der Odyssee, sondern eine moderne Lesart, an der sich stoische Fragen entzünden lassen.
Zum Abschluss empfehlen Anne und Alex unter anderem Emily Wilsons kritische Besprechung des Films sowie Eric H. Clines Buch über den Zusammenbruch der bronzezeitlichen Welt. Außerdem kündigen sie ein Online-Seminar an, in dem die stoische Auseinandersetzung mit Homer und anderen mythologischen Stoffen noch genauer betrachtet werden soll.
Eine Folge über Heimkehr und Selbstverlust, über Klugheit und Weisheit, über Schicksal und Verantwortung – und über die Frage, wie eine Gesellschaft menschlich bleiben kann, wenn ihre gemeinsame Ordnung ins Wanken gerät.
Hinweis: Die Folge enthält Spoiler zu Homers Odyssee und zu Christopher Nolans Film.
Shownotes:
Der Weg der Stoa – Website des Podcasts mit weiteren Folgen, Shownotes und Kontaktmöglichkeiten
Emily Wilson: „An Uncomplicated Man“ – kritische und pointierte Besprechung von Christopher Nolans The Odyssey in der London Review of Books
Eric H. Cline: 1177 B.C.: The Year Civilization Collapsed – zur Krise und zum Zusammenbruch der bronzezeitlichen Zivilisationen im östlichen Mittelmeerraum
Homer: Odyssee – besonders empfehlenswert ist die englische Übersetzung von Emily Wilson, die den poetischen Charakter und das jambische Versmaß berücksichtigt
Seneca: Briefe an Lucilius, insbesondere Brief 88 – zur Auseinandersetzung mit Bildung, Gelehrsamkeit und philosophischer Lebensführung
Epiktet: Handbüchlein der Moral, insbesondere Abschnitt 34 – zur Frage, wie man mit Verlockungen umgeht und sich nicht unnötig in Versuchung bringt
Chrysippus und die stoische Homer-Exegese – als Beispiel dafür, wie die Stoiker mythologische Stoffe als Deutungsbilder für menschliche Natur und Lebensführung verwendeten
Die Episode findet sich hier:
Unterstützungsmöglichkeit für den „Weg der Stoa“findet Ihr hier oder hier.
Wenn Du den „Weg de Stoa“ unterstützen möchtest, dann kannst Du dies regelmäßig:

Schreibe einen Kommentar