Über das Loslassen ins Handeln kommen
Gelassenheit per Knopfdruck oder oberflächlicher Trend? Anne und Alex nehmen in der neuesten Folge von „Der Weg der Stoa“ den weltweiten Megaseller „The Let Them Theory“ von Mel Robbins unter die Lupe. Zwischen psychologischen Quick-Fixes und jahrtausendealter Philosophie entbrennt eine gewohnt fundierte, aber erfrischend lockere Debatte.
Wer im Bereich der Persönlichkeitsentwicklung unterwegs ist, kommt an ihrem Namen aktuell nicht vorbei: Mel Robbins. Mit über 10 Millionen verkauften Büchern gehört die US-Amerikanerin zu den absoluten Schwergewichten der Ratgeber-Literatur. Nach ihrem Erfolg mit der „5-Sekunden-Regel“ landete sie 2024 mit der „Let them“-Theorie (auf Deutsch sinngemäß: „Lass sie machen“) den nächsten viralen Hit. Doch was steckt wirklich dahinter – und wie viel Stoa steckt im modernen Bestseller?
Der Kern der Theorie: „Lass sie“ und „Lass mich“
Im Gespräch schälen die Hosts Anne und Alex schnell den Kern des Buches heraus, der im Grunde aus zwei Säulen besteht. Die erste Komponente lautet schlicht: Let them – Lass sie. Es geht um den befreienden Gedanken, die Erwartungen an die Mitwelt loszulassen. Wenn Menschen enttäuschen, schlecht über einen reden oder sich schlicht nicht so verhalten, wie man es gerne hätte, lautet der Impuls: Akzeptiere es, du kannst es ohnehin nicht kontrollieren.
Hier horcht der stoisch geschulte Geist natürlich sofort auf. Alex zieht direkt die Parallele zur Dichotomie der Kontrolle, dem Fundament der stoischen Philosophie. Das Außen und die Handlungen anderer Menschen liegen nicht in unserer Macht.
Spannend wird es jedoch bei der zweiten Säule, die Robbins im Buch beschreibt: Let me. Nachdem der äußere Stress durch Akzeptanz reguliert wurde, geht es darum, selbstbestimmt und eigenverantwortlich zu handeln.
Wo der Ratgeber schwächelt: Die Sehnsucht nach dem Kompass
Obwohl das Buch in einem sehr nahbaren, konversationsbasierten Stil geschrieben ist und viele alltägliche Fallbeispiele liefert, sparen Anne und Alex nicht mit Kritik. Für Anne krankt das Werk an einer typischen Ratgeber-Krankheit: Redundanz. Viele Konzepte werden gebetsmühlenartig wiederholt und künstlich in Kontexte gepresst, in denen sie nur noch bedingt funktionieren.
Besonders deutlich wird das beim Thema Eigenverantwortung. Während der Stoizismus hier ein messerscharfes ethisches System mit den vier Kardinaltugenden liefert, bleibt Robbins vage. Sie rät, sich an den „eigenen Werten und Bedürfnissen“ zu orientieren – ein Kompass, der sich im Alltag schnell als weichgespült und orientierungslos erweisen kann. Es fehlen die tiefe Reflexion von Werturteilen und die stoische Disziplin, die Welt nüchtern so zu sehen, wie sie ist, anstatt sie nur emotional wegzuschieben.
Die Kontroverse um den Ursprung
Ein echter Aufreger, den die beiden Hosts diskutieren, ist die schillernde Kehrseite des Erfolgs. Mel Robbins vermarktet die Idee als ihre eigene „Theorie“. Recherchen zeigen jedoch, dass die Künstlerin Cassie Phillips bereits 2020 ein virales Gedicht mit exakt denselben „Let them“-Mantras veröffentlicht hatte.
Robbins integriert im Buch sogar die Tattoos, die sich Menschen aufgrund dieses Gedichts stechen ließen, erwähnt die Urheberin Phillips jedoch mit keinem Wort. Auf Social-Media-Kritik reagierte Robbins fast schon ironisch im Stile ihres eigenen Buches: „Wenn Leute schlecht über mich reden? Let them.“ Für die Authentizität des Werks bleibt das, wie Anne und Alex feststellen, ein fader Beigeschmack.
Fazit: Ein klebriger, aber nützlicher Einstieg
Trotz aller Kritik im Detail ziehen Anne und Alex ein versöhnliches Fazit. Als niedrigschwelliger Einstieg in die Selbstreflexion und als Erinnerung, die eigene Energie nicht an Unveränderliches zu verschwenden, hat das Buch seine Daseinsberechtigung. Wer allerdings eine tiefgehende, krisenfeste Lebensphilosophie sucht, greift nach diesem unterhaltsamen Ausflug wohl doch besser wieder zu den Originalen von Epiktet, Seneca oder Mark Aurel.
Die komplette Analyse, warum Alex das Hörbuch auf doppelter Geschwindigkeit hören musste und wieso Anne das Buch streckenweise wütend gemacht hat, erfahrt ihr in der aktuellen Episode!
Shownotes:
Shownotes:
Mel und Sawyer Robbins – The let them Theory, Hay House, 2024
Kritik & Kontroverse: Das Gedicht „Let them“ von Cassie Phillips (2020).
Podcast-Empfehlung im Gespräch: If Books Could Kill (Episode zu Ratgeber-Bestsellern).
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