Der Zufall hat es gegeben, der Zufall kann es wieder nehmen

In der 95. Episode unseres Podcasts „Der Weg der Stoa“ widmen wir uns einem Brief Senecas, der aktueller nicht sein könnte. Doch bevor wir in die antiken Zeilen eintauchen, hat uns der stoische „Zufall“ ein Thema direkt vor die Füße geworfen: Stoizismus im Rampenlicht der deutschen Politik.

Epiktet im Spiegel-Interview: Wenn Zitate in die Irre führen

Kürzlich zitierte Friedrich Merz in einem großen Interview den Stoiker Epiktet mit den Worten: „Nicht die Taten bewegen die Menschen, sondern die Worte über die Taten.“ Klingt stoisch, oder? Anne und Alex haben genauer hingeschaut und festgestellt: Das Original im Handbuch (Enchiridion 5) lautet eigentlich: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Meinungen (Dogmata) von den Dingen.“

Der Unterschied ist entscheidend. Während es bei Merz um politische Kommunikation und das „Verpacken“ von Taten geht (Marketing), geht es bei Epiktet um die innere Arbeit an unseren eigenen Werturteilen. Die Stoa lehrt uns, Taten für sich sprechen zu lassen und unsere Urteile zu prüfen, statt die Außenwirkung durch Rhetorik zu optimieren. Wenn die Philosophie zur reinen Worthülse verkommt, geht ihre transformative Kraft verloren.

Passend hat sich hierzu auch bereits Marc Aurel, der Philosophenkaiser geäußert. Er schreibt in seinen Selbstbetrachtungen im Buch 7.73:

»Wenn du etwas Gutes getan und ein anderer von dir Gutes empfangen hat, was verlangst du da obendrein noch ein Drittes, wie die Toren, daß nämlich auch die Leute sehen, daß du Gutes getan hast, oder schielst gar nach einem Dank für deine Tat?«

(Marc Aurel, Selbstbetrachtungen, 7.73)

Senecas Rückzug: Arbeit für die Nachwelt

Im 8. Brief rechtfertigt Seneca seinen Rückzug aus dem aktiven Staatsdienst vor seinem Freund Lucilius. Er argumentiert, dass er sich nicht aus Trägheit zurückzieht, sondern um an etwas zu arbeiten, das über den Moment hinausgeht. Er schreibt für die Nachwelt. Sein wichtigster Rat in diesem Brief: Meidet alles, was der Masse gefällt und was der Zufall bringt.

Seneca warnt davor, sich von Glücksgütern wie Reichtum, Ruhm oder Gesundheit täuschen zu lassen. Er nennt sie „Leimköder“ oder Fallen. Wer auf den Zufall baut, verliert seine Freiheit, denn was das Schicksal gibt, kann es jederzeit wieder nehmen.

Die Praxis: Vorbereitung auf das Unerwartete

Wir sprechen in dieser Folge auch über die praktische Anwendung dieser Lehre. Alex teilt seine Erfahrungen aus der Corona-Zeit, als sich seine Selbstständigkeit von heute auf morgen änderte. Anne erinnert an ihren schweren Unfall und die stoische Übung der „negativen Visualisierung“. Es geht nicht darum, zum Pessimisten zu werden, sondern den Erwartungshorizont zu weiten. Wenn wir uns klarmachen, dass Krisen zum Lebensrisiko gehören, verlieren sie im Ernstfall ihren Schrecken.

Minimalismus und die Tugend der Mäßigung

Seneca wird in diesem Brief fast schon radikal minimalistisch. Er schreibt, der Körper solle nur so viel erhalten, wie für das Wohlbefinden nötig ist: Essen gegen den Hunger, Trinken gegen den Durst, ein Dach gegen die Witterung. Ob dieses Dach aus Gold oder Stroh ist, sollte für unseren Geist keinen Unterschied machen. Hier diskutieren wir kritisch: Ist das für den zweitreichsten Mann Roms seinerzeit nur eine „kühne rhetorische Phase“ gewesen? Vielleicht, aber der Kern bleibt: Nur die Tugend ist ein echtes Gut, alles andere ist relativ.

Ausblick und Lese-Tipp

Zum Abschluss stellt Alex das Buch Stoicism, Bullying and Beyond von Matthew Sharpe vor, das stoische Strategien gegen Mobbing beleuchtet – ein spannender Blick auf die Stoa im sozialen Kontext.

Nächste Woche machen wir eine kurze Brief-Pause und widmen uns dem Megatrend Longevity. Was würde Seneca zu Biohacking und dem Streben nach dem ewigen Leben sagen? Seid gespannt!

Bis dahin: Bau nicht auf den Zufall, sondern auf dich selbst.

Deine Anne & dein Alex

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