Über die Schwierigkeit sich selbst trauen zu können
Folge 99: Solltest Du Dir selbst vertrauen? – Ein tiefer Blick in Senecas 10. Brief
Wahnsinn, wir stehen direkt vor der magischen 100! Doch bevor die Sektkorken knallen, widmen wir uns in der 99. Episode von Der Weg der Stoa einem zwar kürzeren, aber dafür umso gehaltvolleren Text: dem 10. Brief von Seneca. Nachdem wir in der letzten Folge intensiv darüber nachgedacht haben, ob und wie ein weiser Mensch in Gesellschaft oder allein glücklich sein kann, schlägt Seneca nun eine faszinierende Pendelbewegung ein. Er knüpft an eine Nachricht seines Freundes Lucilius an und stellt eine radikale Frage in den Raum: Ist es eigentlich eine gute Idee, sich selbst zu vertrauen?
Die Gefahr der schlechten Gesellschaft – in uns selbst
Seneca überrascht uns diesmal mit einer beinahe provokanten Härte. Er rät Lucilius, die Menge zu meiden, die wenigen zu meiden – ja, sogar einen Einzelnen zu meiden, weil er kaum jemanden kennt, dem er ihn bedenkenlos anvertrauen würde. Doch der eigentliche Clou folgt kurz darauf: Seneca wagt es schließlich doch, Lucilius sich selbstanzuvertrauen. Aber nicht ohne eine stoische Warnung.
Wir beleuchten in dieser Folge ein wunderbares Zitat über den kynischen Philosophen Krates, der einen einsam spazierenden jungen Mann fragte, was er dort tue. Als dieser antwortete: „Ich rede mit mir selbst“, erwiderte Krates trocken: „Pass gut auf, du sprichst mit einem schlechten Menschen!“ Das wirft unser modernes Verständnis von „Me-Time“ und Achtsamkeit erst einmal gehörig über den Haufen. Seneca macht uns klar: Wer nicht weise oder stoisch gefestigt ist, kann in der Einsamkeit Gefahr laufen, in eine Abwärtsspirale aus trüben Gedanken, unlogischen Impulsen und destruktiven Leidenschaften zu geraten. Unbeobachtet schmieden wir oft Pläne, die uns eigentlich gar nicht guttun.
Die stoische Reihenfolge: Erst die Gesinnung, dann der Körper
Ein weiterer Kernpunkt des Briefes ist das Thema Wünsche und Gebete. Seneca gibt uns eine klare stoische Leitplanke mit auf den Weg: Wenn du bittest, dann bitte um eine gute Gesinnung und um geistiges Wohlbefinden – erst danach kommt das Körperliche. Das widerspricht völlig unserem alltäglichen Impuls, bei einer Krankheit sofort um Genesung zu flehen. Aus stoischer Sicht ist der Körper jedoch eine „bevorzugte Indifferenzie“. Viel wichtiger ist die Frage: Habe ich die innere, geistige Haltung, um mit den Umständen des Lebens – ob gesund oder krank – richtig umzugehen?
Der Spiegel der Freundschaft
Am Ende des Briefes schlägt Seneca eine Brücke zur Außenwelt und fordert uns auf, so zu leben, als würde Gott uns zusehen, und so zu Gott zu sprechen, als würden die Menschen uns hören. Das erfordert eine radikale Ehrlichkeit mit sich selbst. Wir diskutieren in der Folge darüber, wie wichtig in diesem stoischen Gefüge echte Freunde ist. Wenn wir uns selbst mal wieder eine „schlechte Gesellschaft“ sind und uns in unseren eigenen Gedanken vergaloppieren, fungiert ein wahrer Freund als liebevolles, aber ehrliches Korrektiv. Er hält uns nicht den Spiegel der Schmeichelei vor, sondern hilft uns, unsere Flecken zu tilgen.
Für alle Geschichts-Nerds unter euch hat Alexander außerdem noch einen spannenden Exkurs zu Athenodorus vorbereitet, den Seneca immer wieder gerne zitiert.
Nächste Woche feiern wir das große Jubiläum – bis dahin: Seid achtsam mit euch und sorgt dafür, dass ihr euch selbst eine gute Gesellschaft seid!
Shownotes:
Lucius Annaeues Seneca, Philosophische Schriften IV, Briefe an Lucillius, Erster Teil, Briefe 1 – 81, Meiner Verlag, 1993
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