Über den Umgang mit dem eigenen Körper und Vorbildern

Der Körper macht, was er will – Und was wir von Seneca über unwillkürliche Reaktionen lernen können

Herzlich willkommen zu einer neuen Etappe auf dem Weg der Stoa! In unserer 102. Episode widmen wir uns einem ebenso alltagsnahen wie faszinierenden Text: dem 11. Brief von Seneca. Darin spricht der antike Denker über Phänomene, die uns allen wohl schon einmal unangenehm waren – körperliche Reaktionen, die wir scheinbar nicht kontrollieren können. Im Zentrum steht das Erröten, das Seneca als Paradebeispiel für einen Zustand beschreibt, der sich unserer willentlichen Kontrolle entzieht.

Im historischen Kontext des römischen Senats, in dem man stets gefasst, würdevoll und staatstragend auftreten musste, war die plötzliche Schamesröte im Gesicht ein sofort sichtbares Zeichen vermeintlicher Schwäche. Seneca wirft jedoch einen erstaunlich gnädigen und verständnisvollen Blick auf dieses Phänomen: Er betont nachdrücklich, dass das Erröten keineswegs ein Zeichen eines schwachen Charakters, mangelnder Weisheit oder mangelnder geistiger Kraft ist. Vielmehr liege es schlicht an unserer körperlichen Konstitution. Seneca erklärt dies auf Basis der damals vorherrschenden antiken Vier-Säfte-Lehre nach Hippokrates: Das rasch fließende, erregbare Blut schießt besonders jungen, vielversprechenden Menschen (den „Jünglingen“) in Momenten der Aufregung augenblicklich ins Gesicht.

Aus heutiger Perspektive betrachten wir diese Thesen differenziert und schlagen die Brücke zur modernen Psychologie. Einerseits gibt es tatsächlich unwillkürliche Erstreaktionen unseres Nervensystems – im klassischen Stoizismus auch als „Voremotionen“ bezeichnet. Das Erschrecken vor einer Spinne, das Erblassen bei plötzlicher Gefahr auf stürmischer See oder der Schwindel am Abgrund sind tiefe, biologische Reaktionen, die wir zunächst nicht unterdrücken können. Andererseits wissen wir heute, dass Reaktionen wie das Erröten, übermäßiges Schwitzen oder auch das Stottern im Alltag meist an eine kognitive Bewertung der Situation gekoppelt sind. Durch moderne Verhaltenstherapie, Logopädie und systemisches Mentaltraining lassen sich diese Mechanismen sehr wohl positiv beeinflussen. Seneca war in seinem Urteil über die Unveränderlichkeit des Körpers also womöglich ein wenig zu streng – doch sein Plädoyer, sich für diese unwillkürlichen Reaktionen nicht zu verurteilen, bleibt zeitlos wertvoll.

Die Macht der Geschichten: Warum wir konkrete Vorbilder brauchen

Im zweiten Teil des Briefes wendet sich Seneca der Frage zu, wie wir uns auf dem Weg zur stoischen Gelassenheit und Charakterentwicklung effektiv unterstützen können. Sein praktischer Ratschlag, den er sich beim Philosophen Epikur leiht, lautet: Wir sollten uns eine integre, tugendhafte Persönlichkeit als Vorbild wählen – jemanden wie Cato, Laelius oder Sokrates –, um gedanklich stets unter deren Blicken zu handeln und unser Tun an ihnen auszurichten.

In unserer Diskussion arbeiten wir heraus, warum die bloße Kenntnis abstrakter Leitsätze im Alltag oft nicht ausreicht. Zu wissen, dass man auf die „Dichotomie der Kontrolle“ achten sollte, ist das eine. Doch als Menschen denken, fühlen und lernen wir in Geschichten. Sobald wir uns eine konkrete Person vor Augen führen, betten wir die philosophischen Prinzipien in eine lebendige, anekdotische Erzählung ein. Dadurch wird das Vorbild greifbar und lässt sich viel leichter in unsere eigene Selbsterzählung integrieren. Die Anekdote dient uns als mentaler Anker in stürmischen Zeiten.

Vom antiken Vorbild zum modernen „inneren Expertenrat“

Doch was tun, wenn es uns schwerfällt, ein einzelnes, fehlerfreies Vorbild zu finden? Prominente Persönlichkeiten oder historische Helden haben schließlich oft auch Schattenseiten oder Ansichten, mit denen wir uns überhaupt nicht identifizieren können. Hier schlagen wir die Brücke vom antiken Stoizismus direkt in die moderne systemische Coaching-Praxis und die hypnosystemische Arbeit.

Anstatt uns an einer einzigen, vermeintlich perfekten Person abzuarbeiten, können wir uns einen imaginären „inneren Expertenrat“ oder eine „Rittertafel der Inspiration“ zusammenstellen. Dieser Rat besteht aus vier bis fünf unterschiedlichen Persönlichkeiten – seien es reale Wegbegleiter, historische Figuren, Mentoren oder sogar fiktive Charaktere –, die wir für spezifische Stärken schätzen.

Aus systemischer Sicht ermöglicht dieser Kniff einen unschätzbaren Schritt: die innere Dissoziation. Indem wir uns in einer Krise fragen, was uns die verschiedenen Mitglieder unseres Expertenrats nun raten würden, treten wir aktiv aus dem emotional überfluteten, affektiven Erleben heraus in die Position des beobachtenden Dritten. Dieser bewusste Perspektivwechsel senkt das emotionale Stresslevel sofort und öffnet den Blick für völlig neue Handlungsoptionen. Wir gewinnen unsere Handlungsfähigkeit zurück, indem wir die Situation neu wahrnehmen.

Wie kraftvoll diese Methode wirkt, verdeutlicht ein konkretes Beispiel aus Alex’ Coaching-Praxis mit einer Führungskraft. Eine Klientin war zutiefst verzweifelt über eine unpopuläre Entscheidung ihrer Chefin und empfand diese als massiven Vertrauensbruch. Im Coaching nutzten wir die Methode der „inneren Weisheit“ und fragten nach einer Perspektive, die ihr im aktuellen emotionalen Zustand nicht direkt zugänglich war. Dieser Impuls reaktivierte eine verschüttete Erinnerung an ein offenes, hochgradig vertrauensvolles Gespräch mit derselben Chefin wenige Wochen zuvor. Allein dieser veränderte Fokus veränderte ihr gesamtes Erleben der Situation. Sie konnte die Entscheidung sachlicher einordnen, ging am nächsten Tag gestärkt in den Dialog und erlebte die Arbeitsbeziehung wie ausgewechselt.

Fazit: Antike Weisheit trifft systemische Praxis

Senecas 11. Brief mag in seinen biologischen Erklärungen überholt sein, doch sein psychologischer Kern ist nach wie vor von brennender Aktualität. Er lädt uns ein uns in den genannten Aspekten unserer Person zu reflektieren und gibt uns hierbei wichtige Impulse.

Schreibt uns gerne in die Kommentare auf www.weg-der-stoa.de oder in unserer Meetup-Gruppe: Habt ihr ein festes stoisches Vorbild oder nutzt ihr vielleicht schon euren eigenen inneren Expertenrat? Wir freuen uns auf den Austausch mit euch!

Bis zur nächsten Woche, wenn wir uns mit dem Thema Altern beschäftigen – und natürlich nur, sofern das Schicksal es zulässt!

Eure Anne & euer Alex

 

Shownotes:

Lucius Annaeues Seneca, Philosophische Schriften IV, Briefe an Lucillius, Erster Teil, Briefe 1 – 81, Meiner Verlag, 1993

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